Das Ende des ERP, wie wir es kennen – warum interne Schnittstellen ein Zwischenschritt sind

In der Kanzlei und beim Mandanten sehe ich dieselbe Landschaft: ein Warenwirtschaftssystem, eine Buchhaltung, ein Banking-Tool, ein Belegeingang, eine Lohnabrechnung, dazu Tabellen. Jedes System ist für sich gut. Zusammen sind sie ein Flickenteppich, den Schnittstellen zusammenhalten müssen.
Im letzten Impuls ging es um Medienbrüche. Eine Schnittstelle beseitigt den Medienbruch, aber nicht die Übertragung: Dieselben Daten liegen in zwei Systemen, sie müssen abgeglichen und zugeordnet werden, und jede Übergabe kann scheitern. Ausgangsrechnungen gehen über die Fakturierungsschnittstelle aus der Warenwirtschaft in die Buchhaltung, Lohnbuchungen aus der Lohnabrechnung. Diese Schnittstellen gibt es nur, weil innerhalb desselben Unternehmens zwei Systeme getrennt sind. Sie sind Brücken über einen Graben, den ein gemeinsames Datenmodell nicht hätte.
Anders ist es beim Kontoauszug, der über EBICS oder eine Bank-API kommt, und bei der E-Rechnung des Lieferanten. Hier verbindet die Schnittstelle zwei Unternehmen. Diese Brücken bleiben; hier helfen Standards wie EBICS und XRechnung, nicht ein gemeinsames System.
McKinsey beschreibt in „The end of ERP as we know it?“ (11.05.2026), wohin die Entwicklung führt. KI-native Lösungen, oft Netzwerke autonomer Agenten, arbeiten über den klassischen Unternehmensanwendungen und steuern Prozesse durchgängig. Im radikalen Szenario hört das ERP, wie wir es kennen, auf zu existieren. McKinsey selbst erwartet etwas anderes: Der Kern mit Daten und Geschäftsregeln bleibt, aber die Nutzer arbeiten nicht mehr in seinen Masken, sondern über Agenten. Das ERP wird „headless“.
Die Anbieter bauen entsprechend. Wolters Kluwer hat am 15.10.2025 in den USA „CCH Axcess Expert AI“ gestartet: Steuern, Prüfung und Kanzleiverwaltung um einen digitalen Kern, die KI im Fundament statt auf Altsysteme aufgesetzt. Pennylane vereint Buchhaltung, Rechnungswesen und Finanzen in einer Plattform, von der Belegerfassung bis zur Steuererklärung; nach eigenen Angaben arbeiten über 6.000 Kanzleien und über 1.000.000 Unternehmen damit. Auf Schnittstellen verzichten beide nicht: Pennylane nennt über 300 Integrationen, Wolters Kluwer hat am 16.09.2026 eigene Zugangsschlüssel für Drittanbieter eingeführt. Die Schnittstelle wandert an den Rand der Plattform.
Für Kanzleien und Mandanten heißt das: weniger Abgleich zwischen den eigenen Systemen und weniger Übertragungsschritte, die die Verfahrensdokumentation erklären muss. Der Wechsel ist nicht kostenlos. Bestandssysteme, gewachsene Prozesse und Datenmigration binden Jahre; McKinsey rechnet mit einem hybriden Übergang, nicht mit einem Bruch über Nacht. Und eine Plattform, die alles hält, ist ein neues Abhängigkeitsrisiko. Im nächsten Impuls schaue ich darauf, wer noch prüft, wenn niemand mehr überträgt.