Die Stelle, die sich nicht besetzen lässt
Ich habe das Handwerk am Kontieren von Ein- und Ausgangsrechnungen gelernt, am Zahlungsverkehr und an der Kontenabstimmung. Heute baue ich Werkzeuge, die einen Teil genau dieser Arbeit automatisieren.
Gleichzeitig suchen Kanzleien Personal und finden es nicht. Nach der STAX-Befragung der Bundessteuerberaterkammer (2024, Bezugsjahr 2023) konnten von den Einzelkanzleien, die zuvor Stellen besetzen wollten, 43,4 % keine und weitere 33,4 % nur einen Teil der offenen Stellen besetzen. Gesucht wurden vor allem Steuerfachangestellte.
Die naheliegende Antwort heißt Automatisierung: Wenn niemand die Routine erledigt, soll es die Software tun. Das ist richtig, und genau daran arbeite ich. Nur hatte die Routine eine zweite Aufgabe, die in keiner Stellenbeschreibung steht. Sie war die Lehrzeit. Wer Rechnungen kontiert, lernt Buchungssätze und Steuerschlüssel. Wer den Zahlungsverkehr bucht, lernt, wie Geld und Beleg zusammengehören. Wer Konten abstimmt, lernt, wo sich Fehler verstecken. Wer die Routine automatisiert, schafft die Lehrzeit ab – wenn er sie nicht ersetzt.
Der awicontax Zukunftskompass 2026, eine Studie der gleichnamigen Steuerberatungsgruppe mit zwanzig Kanzlei-Interviews und einer Civey-Befragung von 1.500 Entscheidern im Mittelstand, beschreibt das Ziel: „Aus Fachangestellten werden Prozessmanager, aus Steuerberatern werden Strategen.“ Als neues Kompetenzdreieck nennt sie Fachkompetenz, Technologieverständnis und Kommunikationsstärke. Offen bleibt für mich, wie man Prozessmanager wird, ohne den Prozess je selbst durchlaufen zu haben.
Für mich folgt daraus: Automatisierung ersetzt die fehlende Fachkraft nicht. Sie ist die Voraussetzung dafür, dass die vorhandene tut, wofür man sie eingestellt hat. Wer die Routine aber einer Maschine überlässt, muss die Lehrzeit bewusst neu bauen. Der Nachwuchs prüft dann die Regeln, nach denen die Maschine bucht, klärt die Ausnahmen, bei denen sie anhält, und versteht die Abstimmung, bevor sie automatisch läuft. Die Studie sagt es nüchtern: „Jede digitale Transformation beginnt mit einer kulturellen.“
An welcher Aufgabe haben Sie das Handwerk gelernt – und woran lernt es Ihr Nachwuchs heute?